Blick in die Geschichte
Filmstill aus: «Mädchen Nr. 60427» von Shulamit Lifshitz, KFW, 2022
Gleich mehrere unserer neuen Filmmedien laden dazu ein, mit Schülerinnen und Schülern oder mit Bildungsgruppen in der Gemeinde einen Blick in die Geschichte zu werfen. Die Auseinandersetzung mit vergangenen Epochen kann dabei helfen, die eigene Identität, aber auch die Dynamiken der Gegenwart besser zu verstehen. Ein mögliches Ziel ist dabei, sich mit guter (religions-)didaktischer Begleitung an dunkle Kapitel der Vergangenheit heranzuwagen. Glücklicherweise begegnen uns in der Geschichte aber auch ermutigende Beispiele menschlichen Zusammenlebens, die inspirierend für die Gegenwart wirken.
Mittelalter? Nein, (frühe) Neuzeit!
Der Dokumentarfilm Der letzte Ketzer geht ins 18. Jahrhundert zurück. Dass dies das Jahrhundert ist, in dem Anna Göldin in einem der letzten Hexenprozesse Europas zum Tode verurteilt wurde, ist weithin bekannt. Weniger bekannt ist die Geschichte von Jakob Schmidli, der im Entlebuch lebte und eine Gemeinschaft von Gläubigen zum Gebet und zur privaten Bibellektüre um sich versammelte. Die weltliche wie auch die geistliche Obrigkeit befürchteten Aufruhr. Schmidli, der sich nicht in Schranken weisen liess, aber auch nicht ins reformierte Gebiet auswandern wollte, wurde schliesslich als Ketzer hingerichtet.
Historisch präzise recherchiert (Gregor Emmenegger, David Neuhold) und spannend präsentiert (Manuel Dürr, Jan-Marc Furer) wird in diesem Film ein Stück Geschichte aufgearbeitet, dessen Nachwirkungen bis in die neuere Zeit reichen: Erst 1976 durfte am einstigen Wohnort Schmidlis auf der Sulzig wieder ein Wohnhaus gebaut werden. Und 2001 wurde dort, wo ehemals eine Schandsäule stand, ein Gedenkstein für Jakob Schmidli enthüllt und der Regierungsrat Anton Schwingruber bat für das Vorgehen der früheren Behörden um Vergebung.
20. Jahrhundert
Viele Medien wenden sich dem dunkelsten Kapitel der jüngeren Geschichte zu: der NS-Zeit. Manche beleuchten besonders die Auswirkungen der damaligen Geschehnisse auf nachfolgende, jüngere Generationen. So z. B. der Film Mädchen Nr. 60427. Der Kurzspielfilm zeigt, wie ein Mädchen die Mauer emotionaler Distanz und scheinbarer Härte überwindet, hinter die sich ihre Grossmutter zurückgezogen hat. Während der Sommerferien entdeckt die 11-jährige Re’ut zwischen Kleidern versteckte Tagebücher ihrer Oma, in denen diese von ihren Erlebnissen im Ghetto von Zawiercie und vom Tod ihrer Schwester in Auschwitz berichtet. Das aufgewühlte Mädchen versteht die Grossmutter nun besser. Als diese entdeckt, was ihre Enkelin gefunden hat, versteckt sie die Notizen rasch wieder – lässt jedoch zu, dass Re’ut ihr dabei zusieht. So findet zwischen ihnen eine wortlose Kommunikation über das Unaussprechliche statt.
Die (authentischen) Tagebuchtexte werden im Film mit animierten Zeichnungen dargestellt, was das Schreckliche erträglicher macht, ohne es zu verharmlosen. Zudem wird der behutsam gestaltete Film von Arbeitsmaterialien begleitet, die die Thematisierung im Unterricht unterstützen können.
Auch nach dem 2. Weltkrieg gab es in Europa wieder Krieg. Der Kurzspielfilm Der Mann, der nicht schweigen wollte schildert ein Ereignis im Bosnienkrieg, das auf wahren Begebenheiten beruht. Der Offizier Tomo Buzov intervenierte, als bei einer «Kontrolle» in einem Zug ein junger Mitreisender verhaftet und abtransportiert werden sollte. Er rettete dem jungen Mann damit das Leben und verlor dabei sein eigenes.
Die Frage «Was hättest du getan?», die auch im Zusammenhang mit der deutschen Geschichte oft gestellt wird, wird hier erweitert zur Frage, in welchen Formen und Abstufungen sich Zivilcourage zeigen kann. Die Reisenden im Zugabteil stehen exemplarisch dafür, wie unterschiedlich Menschen in einer bedrohlichen Situation reagieren. Alle Reaktionen sind nachvollziehbar, auch die zaghaften. Beeindruckend bleibt jedoch der Mut und die Entschiedenheit des Offiziers, der sich von der paramilitärischen Einheit nicht einschüchtern lässt. Auch dieses Medium enthält informative und didaktisch sehr hilfreiche Arbeitsmaterialien.
21. Jahrhundert und Gegenwart
Der Film Joe Boots führt uns zunächst an den Anfang unseres Jahrhunderts: Die Terroranschläge auf das World Trade Center in New York waren es, die in Joe den Wunsch weckten, sich für sein Land einzusetzen und zum Militär zu gehen. Joe Boots, der in diesem Kurzdokumentarfilm porträtiert und mit der Kamera durch seinen Alltag begleitet wird, erzählt, wie sein Leben seither verlaufen ist. Ein Unfall, den er als Bombensucher im Irakkrieg erlebte, hinterliess ein Trauma, das ihn aus der Bahn warf. Wie er mit seinen Wunden lebt und allmählich wieder Halt gewinnt, auch davon erfahren wir.
Der Film hat nichts von seiner Aktualität verloren, zumal das Thema Wehrdienst europaweit derzeit stark diskutiert wird. Auch in diesem Medium sind umfangreiche Arbeitsmaterialien zu finden.
Inspiration für heute und morgen
Können verschiedene Religionen, Kulturen und Bevölkerungsgruppen friedlich miteinander leben? Eine ermutigende Antwort auf diese Frage gibt der Film Convivencia. Mit faszinierenden Bildern und beeindruckenden Erzählungen zeichnet der Film die historischen Entwicklungen im mittelalterlichen (maurischen) Spanien nach. Zwar waren die Religionen in der Zeit von Al-Andalus keine ebenbürtigen Partner, aber die muslimischen Herrschenden nahmen gegenüber den jüdischen und christlichen Minderheiten eine schützende Haltung ein.
Der Film ist aus einem Forschungsprojekt an der Universität Fribourg entstanden und in unserem Katalog frei zugänglich verlinkt, ebenso wie Informationen zum Projekt und zur Filmproduktion.
Weitere, thematisch verwandte Filme finden Sie in unserer Themensammlung auf den Medienlisten:
– Friede/Konflikt/Streit
– Filme zu Konflikt/Krieg/Frieden
– Filme zu Antisemitismus_Holocaust
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