Spiritualität und Film
Kino als spirituelles Erlebnis?
Von Federico Fellini stammt das Zitat: «Il cinema è il modo più diretto per entrare in competizione con Dio.» (Kino ist die direkteste Art mit Gott in Wettstreit zu treten.)
Tatsächlich gibt es Parallelen zwischen dem Kinobesuch und einer religiösen Erfahrung: Wenn ich ins Kino gehe, tauche ich ganz in das filmische Erlebnis ein. Für anderthalb, zwei oder drei Stunden vergesse ich die Aussenwelt und lasse zu, dass der Film eine Wirkung auf mich entfaltet, «etwas mit mir macht». Wenn ich das Kino wieder verlasse, tue ich dies – nicht immer, aber oft und zumindest ein bisschen – als anderer Mensch. Das Kino-Erlebnis hat verwandelnde Kraft. Voraussetzung dafür, und eine weitere Parallele zum Religiösen, ist der rituelle Charakter des Kinobesuchs. Vom Kauf und/oder Vorweisen des Tickets am Eingang, über das Betreten des Kinosaals und die Suche des eigenen Platzes bis zum Abspann des Films, während dem man entweder noch sitzen bleibt, der Musik lauscht und die Credits liest, oder aufsteht, in seinen Mantel schlüpft und das Kino verlässt: das Rituelle ist Teil der Erfahrung und verstärkt die Wirkung des Films oder bringt sie sogar mit hervor. Wohl deshalb traut Fellini dem Kino zu, in direkten «Wettstreit zu Gott» treten. Das Kino-Erlebnis ähnelt dem spirituellen Erlebnis.
Im Zeitalter von Netflix und YouTube hat der klassische Kinobesuch leider ein wenig an Bedeutung verloren. Nicht nur die Kirchen, auch die Kinos haben es schwerer als früher, ihr Publikum zu finden. Die typische Art, Filme anzuschauen, ist heute eine andere: auf dem Handy oder Tablet, mit Kopfhörern im Zug oder zu Hause auf dem Sofa. Die filmische Erzählung wird dabei oft nicht mehr am Stück als Langspielfilm, sondern portioniert als Serie oder in stark verknappter Form als Clip konsumiert und sehr gezielt abgerufen: ich kann schauen, wann ich will und wo ich will. Das Eintauchen in eine andere Wirklichkeit ist so zwar auch immer noch möglich, hat jedoch einen etwas anderen Charakter.
Spiritualität in der Gegenwart
Religiosität hat sich ebenfalls verändert: weg von der Verankerung in einer kirchlich-religiösen Tradition, hin zu mehr Individualität und Gestaltungsfreiheit. Statt von «Religiosität» sprechen darum manche lieber von «Spiritualität», weil dies in ihrem Verständnis der offenere Begriff ist.
Wodurch zeichnet sich Spiritualität im 21. Jahrhundert, in der mitteleuropäischen Gesellschaft, aus? Dazu sind in den letzten Jahren zwei äusserst interessante Bücher erschienen: Von Kristian Fechtner Mild religiös. Erkundungen spätmoderner Frömmigkeit, und von Uwe Habenicht Freestyle Religion. Eigensinnig, kooperativ und weltzugewandt – eine Spiritualität für das 21. Jahrhundert.
Kristian Fechtner skizziert in verdichteten Beispielerzählungen, die aus der Praxis inspiriert sind, typische Szenen, in denen heutige Spiritualität in Erscheinung tritt. Dabei begegnen Praktiken wie Yoga, Pilgern oder Fasten, das Schmücken des Christbaums oder das Hören von Musik, das Anzünden von Kerzen und der Gebrauch von Engelsfiguren; beschrieben werden aber auch Stossgebete oder die vorsichtig religiöse Formulierung in einer Textnachricht, die einem beunruhigten Freund Mut zusprechen soll. Fechtner nimmt all diese Formen würdigend und wertschätzend auf, ohne sie gegen traditionelle Formen der Frömmigkeit auszuspielen. «Subjektiv praktizierte Religiosität» muss zudem nicht unbedingt unkirchlich sein, sondern kann durchaus – wenn auch eigensinnig – an kirchliche Vorstellungen anknüpfen (vgl. Fechtner, S. 22). Die typische Religiosität der heutigen Zeit ist jedoch unscheinbarer, diskreter. Darum der Buchtitel: «Mild religiös».
Auch Uwe Habenicht würdigt die veränderte Situation der Gegenwart, die durch das Wegbrechen institutionalisierter Religion und die Entstehung neuer, individuellerer Formen gekennzeichnet ist. Unter Verwendung einer sportlichen Metapher bezeichnet er diese neue Spiritualität als «Freestyle Religion». Habenicht benennt auch deren Risiken, z. B. den Verlust des Gemeinschaftsaspekts, und stellt angesichts der Vielfalt religiöser Ausdrucksweisen die Frage nach Kriterien für eine gelingende (zeitgenössische) Spiritualität. Dazu entwirft er ein Modell, in dem drei Aspekte ineinander verschränkt sind: 1) das Mystisch-Kontemplative, das auf einer individuellen Ebene stattfindet, 2) das Liturgisch-Kultische, das gemeinschaftlich praktiziert wird, und 3) das Ethisch-Gestaltende, das als weltzugewandtes Handeln aus den individuellen und gemeinschaftlichen religiösen Quellen schöpft. Alle drei Dimensionen sind gleichermassen wichtig, auch wenn nicht immer alle gleichzeitig im Vordergrund stehen müssen.
Mit Filmen dem Spirituellen auf die Spur kommen
Wie können nun Filme, z. B. in der Gemeindearbeit oder im Unterricht, Hand bieten, um die Facetten (spät-)moderner Spiritualität zum Thema zu machen? Wie helfen Filme dabei, die vielfältigen spirituellen Zugänge zu entdecken und Ausdrucksformen dafür zu finden? Und: Können Filme dabei unterstützen, einen kompetenten Umgang mit Spiritualität zu erlernen und einzuüben? Auf diese Fragen möchte ich anhand von Beispielen aus unserem Medienkatalog eine Antwort geben.
Zahlreiche Spielfilme und vor allem Dokumentarfilme behandeln Spiritualität und religiöse Ausdrucksformen in traditioneller wie auch moderner Gestalt, wobei nicht selten «alte» Formen in der modernen Spiritualität ein Revival erleben. Beispiele dafür sind die Dokumentarfilme Pilgern – Beten mit den Füssen, Fasten und Feiern: Die Weltreligionen im Vergleich, Religiös leben: Alternative Lebensformen und der Langspielfilm Ich bin dann mal weg. Die Reihe Die Feiertage – neu erklärt setzt bei den traditionellen Formen an, lässt jedoch heutige Jugendliche berichten, wie sie die Tradition mit ihrer Lebenswelt verbinden. Der Kurzspielfilm Völlig meschugge?! zeigt eine typische jugendliche Identitätssuche, die mit der Frage nach der religiösen Identität verwoben wird.
Filme zeigen die Bedeutung, die religiöse und spirituelle Praktiken heute immer noch haben, machen aber auch auf mögliche Gefahren aufmerksam. So z. B. die didaktischen Medien Fasten und Esoterik. Während ersteres biologisch-medizinische Informationen zum Fasten enthält und unter anderem darauf hinweist, unter welchen Umständen aufs Fasten besser verzichtet werden sollte, warnt «Esoterik» vor unseriösen Anbietern im religiösen Bereich.
Nicht wenige Filme thematisieren Lebensfragen und -erfahrungen, mit denen sich auch die Religionen beschäftigen. Dazu gehören Themen wie Angst, Mut, Liebe; ausserdem Wendepunkte des Lebens, Krisen, durch die der oder die Protagonist*in aus der Bahn geworfen wird. Solche Erfahrungen werfen die Sinnfrage auf und fragen nach der Bewältigung des Lebens und seiner schicksalhaften Seiten – ohne dass darauf jedoch reflexhaft traditionell-religiöse Antworten gegeben werden. Die Filme bleiben stattdessen nah am Erleben der Figuren und gewinnen ihre Antworten aus deren Entwicklung heraus. Damit tragen sie dem modernen Bedürfnis nach einer diskreten, unaufdringlichen Thematisierung des Religiösen Rechnung, die sich an den Bedürfnissen des Individuums orientiert.
Filme, in denen die Hauptfigur eine Krise erlebt und ihre Auffassung übers Leben radikal ändert, sind The Straight Story, Das Beste kommt zum Schluss und Barbie. Filme, die die Frage nach dem Lebenssinn aufgreifen: Die einfachen Dinge, Soul, Fuchs für Edgar. Filme über Angst, Mut und Hoffnung: Kiki die Feder, Sven nicht jetzt, wann dann? und das Bilderbuchkino Ein Licht im Wald. Ein beeindruckender Dokumentarfilm, der sich um klassische Fragen der Religion (Lebenssinn, Tod, Glaube) in einem modernen Kontext dreht, ist Real Life Guy: Der YouTuber, der Tod und die Hoffnung.
Manche Filme lösen selbst religiöse Gefühle aus oder rufen religiöse Erfahrungen ab.
Zwei Kunstfilme, die (im weiten Sinn) spirituelle Erfahrungen verdichtet darstellen, sind Der Tote: ein Experimental-Kurzfilm und Ver_Luscht. Ein Kurzfilm, der in besonderer Weise das innere Mitgehen ermöglicht: Mit Gefühl.
An Natur- und Schöpfungserfahrungen knüpfen einige Szenen in den beiden Dokumentarfilmen Checker Tobi und das Geheimnis unseres Planeten sowie Checker Tobi und die Reise zu den fliegenden Flüssen an, die insgesamt eher dem Schema eines Abenteuerfilms folgen.
Schliesslich präsentieren Filme mitunter ausgesprochen kreative Ausdrucksformen des Religiösen und regen die Zuschauer*innen damit zu eigener Kreativität an. So etwa: An Irish Goodbye, Flussbett oder Rubai. Und natürlich das dokumentarische Medium Kunst und Sprache – Zugänge zur religiösen Wirklichkeit, das für die oberen Schulstufen und für die Gemeindearbeit geeignet ist.
Produktive Spannung und Einübung ins Spirituelle
Filme beleuchten die Vielfalt religiöser Erscheinungsformen. Als Dokumentarfilm nehmen sie den religiösen Phänomenen gegenüber eine betrachtende Haltung ein, liefern Erklärungen und helfen bei der Einordnung. Als Spielfilm bringen sie das Religiöse auf unkonventionelle, manchmal unorthodoxe Art ins Spiel und erzeugen dadurch eine produktive Spannung, die zum Nachdenken anregt. Schliesslich nehmen sie ihr Publikum mit in ein Geschehen hinein, das der religiösen Erfahrung ähnelt. In dieser Bandbreite unterstützen Filme dabei, einen (selbst-)bewussten Umgang mit dem Religiösen einzuüben.
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