Zwischen Menschenrechten und Weihnachts(vor)freude

Still aus: „The Innkeeper – Holly und das Krippenspiel“ von Paudie Baggott, KFW, 2023

Menschenwürde unter Druck

Der 10. Dezember ist Menschenrechtstag. Er erinnert daran, dass die Einhaltung der Menschenrechte und die Achtung der Menschenwürde an vielen Orten auf der Welt – auch bei uns – keine Selbstverständlichkeit ist. Selbst dort, wo die Menschenrechtslage relativ gut ist, bleibt es wichtig, ein Auge darauf zu behalten und, wenn nötig, nachzubessern.

Menschenrechte können aus unterschiedlichen Gründen unter Druck geraten, wie die folgenden Filme zeigen.

Der Kurzspielfilm Yellow spielt in Kabul, Afghanistan. Seit die Taliban die Macht wiedererlangt haben, verschärfen sich die Vorschriften ständig. Frauen sollen nun wieder den Tschaderi, einen Ganzkörperschleier, tragen, so schallt es aus dem Fernseher. Eine junge Frau betritt einen Kleiderladen, um der Anordnung Folge zu leisten. Ein junger Verkäufer, der ganz in das Spiel auf seinem Musikinstrument vertieft ist, soll sie beraten. Um Normalität bemüht, zeigt er ihr die Auslage und hilft ihr, das Gewand anzulegen, das sie komplett verhüllt und in dem sie nichts sieht. Das Absurde der Situation ist beiden wohl bewusst. Möglicherweise wird es für lange Zeit der letzte Moment sein, in dem sich zwei junge Leute wie sie noch einigermassen unbefangen begegnen können.
Filme wie Yellow zeigen eindrücklich, dass es zwar besonders – und oft als Erstes – Frauenrechte sind, die in autoritären Regimes unter Druck geraten, aber nicht nur. Die Einschränkungen, z. B. auch das Musikverbot, betreffen die ganze Gesellschaft. Es bleibt die leise Hoffnung, dass Begegnungen wie die geschilderte den Menschen Kraft spenden und in ihnen die Erinnerung an die Freiheit wachhalten.

Begegnungen

Eine andere Gefahr für die Menschenwürde zeigt sich im Animationsfilm Randleben. Der Film ist handwerklich interessant gestaltet: Puppen agieren vor Realaufnahmen der Strassen und der Skyline von Frankfurt. Die Grossstadt mit ihren Wolkenkratzern steht für eine Welt der Gegensätze: Menschen hasten vorbei, viele von ihnen vermutlich im Finanzsektor tätig, im Fokus jedoch steht eine obdachlose Frau. Tagsüber ist sie mit Taschen und einem Einkaufswagen unterwegs, nachts sucht sie, manchmal unter widrigen Wetterbedingungen, nach einem Schlafplatz. Eines Tages findet sie ein Handy, jemand muss es verloren haben. Die Obdachlose beginnt auf die eingehenden Nachrichten einer gewissen Mia zu antworten. Die Person am anderen Ende merkt schnell, dass die Antworten von einer ihr Unbekannten stammen. Dennoch bleibt sie im Gespräch und wäre sogar zu einem Treffen bereit, doch dazu kommt es nicht mehr. Der Film stimmt nachdenklich: Wie wäre die Geschichte weitergegangen, wenn das Treffen zustande gekommen wäre? Wäre so etwas wie ein Happy End denkbar? Oder liegen die Welten der Gesprächspartnerinnen einfach zu weit auseinander?

Um eine ähnliche Thematik geht es im Film Nachtgesichter. Ein Taxifahrer ist im nächtlichen Wien unterwegs. Als er endlich Feierabend hat und zu seiner Familie will, steigt unvermittelt eine Frau in zerschlissener Kleidung in sein Taxi – und lässt sich partout nicht abwimmeln. Nach einer Auseinandersetzung mit ihr entschliesst sich der Taxifahrer, Mahan, widerwillig dazu, der vom Schicksal geprüften Frau, Sabine, zu helfen. Doch das ist gar nicht so einfach …
Der Film greift das Thema der Nächstenliebe auf. Man kann sich selbst fragen: Wie würde ich an Mahans Stelle handeln? Aber auch: Was trennt und was verbindet mich mit Sabine? Es geht um Menschlichkeit im doppelten Sinne: um Humanität und ums Menschsein an sich. Zu Anfang erscheinen die beiden Hauptfiguren noch sehr verschieden, doch im Laufe des Films zeigen sich Gemeinsamkeiten in ihren Lebenssituationen. Die Figuren wie auch ihre Biografien nähern sich einander an.
Im Filmtitel klingt das Motiv des Gesichts an, das in der Philosophie von Emmanuel Lévinas eine zentrale Rolle spielt. Im Antlitz des Anderen begegnet das Transzendente, Gott, und ruft uns zur ethischen Verantwortung.
Im Antlitz des Mitmenschen Gott erkennen: Der Film macht nachvollziehbar, warum das bisweilen schwerfällt. Menschen können mitunter ziemlich „nerven“ und das Leiden anderer ist nicht immer leicht auszuhalten, zumal, wenn man selbst Probleme hat. Doch wenn es gelingt und Menschen sich in dieser Weise gesehen fühlen, werden dadurch selbst schwierigste Verhältnisse etwas erträglicher.

Im Antlitz des Mitmenschen Gott erkennen

In schweren Zeiten für Menschen da zu sein und das Schwierige, so gut es geht, leichter zu machen, darin sieht die Hauptfigur im Kurzspielfilm Teresa, Station B ihre Aufgabe und Berufung. Teresa arbeitet als Pflegefachfrau in leitender Funktion im Spital, wo sie mit personellen Engpässen und manchmal herausfordernden Patient*innen zu tun hat. Zugleich ist sie Mutter zweier Kinder und hat einen Ex-Mann, der ihre Fähigkeiten als Erziehungsberechtigte in Frage stellt. Dass Teresa dabei an ihre Grenzen stösst, verwundert nicht. Dennoch ist für sie völlig klar, dass sie auch am nächsten Tag zur gewohnten Zeit wieder zur Stelle sein wird.
Wer den Langspielfilm Heldin von Petra Volpe gesehen hat, wird sowohl Parallelen als auch Unterschiede zwischen den Filmen entdecken. Beide Filme eignen sich jedoch, um über die Voraussetzungen von Mitmenschlichkeit ins Gespräch zu kommen. Man wünscht den Protagonistinnen bessere Arbeitsbedingungen, v. a. einen realistischeren Personalschlüssel.
Als besonders starke Szene bleibt in Erinnerung, wie eine Patientin, eine ältere Dame, Teresas Hände für einen Moment in die ihren nimmt und ihr mit sanfter Stimme zuredet. «Sie haben magische Kräfte», staunt Teresa, die danach ruhiger weiterarbeiten kann. Nächstenliebe geben und Nächstenliebe empfangen, das gehört zusammen. Das eine geht nicht ohne das andere.

Spuren von Hoffnung

Perspektiven der Hoffnung zu eröffnen, das ist wohl der vornehmliche Sinn und Zweck der Advents- und Weihnachtszeit.
In der Weihnachtsgeschichte nach Lukas kommen fast alle der bisher erwähnten Themen vor: politisch unsichere Zeiten, Druck durch die Obrigkeit, beschwerliche Lebensumstände, Armut, Bedrohung durch Kälte und andere Gefahren, das Angewiesensein auf Hilfe, und – nicht zuletzt – ein Gegenüber, das sich in alledem seine Empathie und Menschlichkeit bewahrt.
Wie viel davon ist im Bewusstsein, wenn an einer Schule ein Krippenspiel aufgeführt wird? Werden diese Kernthemen spürbar? Oder wird die Geschichte eher im weihnachtlichen Lichterglanz verklärt?
The Innkeeper ist ein Kurzfilm, dem es gelingt, beides miteinander zu verbinden: Weihnachtsstimmung und soziale (und auch ein bisschen politische) Themen, Vergangenheit und Gegenwart, Humor und Ernsthaftigkeit.
Die Primarschülerin Holly, die im Krippenspiel die undankbare Rolle des abweisenden Herbergswirts erhält, füllt die Rolle gegen den Widerstand der Lehrerin mit ihren eigenen Überzeugungen – und mit viel Herz. Wie wichtig das für sie ist und woraus sich ihr energisches Eintreten speist, offenbart sich am Schluss des Films.
The Innkeeper hat alles, was einen guten Weihnachtsfilm ausmacht. Hoffnung scheint auf, ohne dass das Raue, Sperrige der Weihnachtsgeschichte ausgeblendet wird. Vielmehr wird es in die heutige Zeit übertragen, aber ohne Rührseligkeit – auch wenn man am Ende des Films vielleicht kurz leer schlucken oder eine Träne verdrücken muss.
Die Weihnachtsgeschichte ist im Grunde keine sanfte, liebliche Geschichte, aber sie enthält von Anfang an Spuren von Hoffnung. Dieses Licht entfaltet sich daher in allen guten Geschichten und Filmen rund um die Weihnachtszeit. Durch zugewandte Menschen – und manchmal durch freundliche Tiere – wird es weitergegeben. Man kann es, wenn man möchte, mit Fug und Recht als göttliches Licht bezeichnen.

Weitere aktuelle Weihnachtsmedien, die Mut machen und die Vision eines konstruktiven Miteinanders entwerfen:

 

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